Gesucht wird oft nach "dem Standard für Barrierefreiheit", als gäbe es nur einen. Es sind drei Ebenen, sie bauen aufeinander auf, und nur die oberste kann Bußgelder auslösen.

Die drei Ebenen

Die WCAG kommen vom W3C. Sie sind kein Gesetz, und niemand setzt sie durch. Sie sind das technische Dokument, auf dem die europäische Norm aufbaut: nummerierte Erfolgskriterien auf den Stufen A, AA und AAA. Die aktuelle veröffentlichte Fassung ist WCAG 2.2. Die EN 301 549 V3.2.1 übernimmt ihre Web-Anforderungen aus WCAG 2.1, und die Stufe, auf die es ankommt, ist AA.

EN 301 549 ist die europäische Norm, veröffentlicht von ETSI gemeinsam mit CEN und CENELEC. Ihr Kapitel 9 behandelt Webinhalte und übernimmt WCAG 2.1 Stufe AA, Kriterium für Kriterium. Der Rest der Norm deckt Software, Dokumente und Hardware ab, was WCAG nicht tut.

Nationales Recht ist die Ebene mit den Sanktionen. Der European Accessibility Act, Richtlinie (EU) 2019/882, wurde von jedem Mitgliedstaat in ein eigenes Gesetz überführt, und seine Pflichten gelten seit dem 28. Juni 2025. In Deutschland ist das das BFSG, in Tschechien zákon č. 424/2023 Sb., in Polen ustawa z 26 kwietnia 2024 r., in Österreich das BaFG und in der Slowakei zákon č. 351/2022 Z. z. Öffentliche Stellen waren schon vorher von der Richtlinie 2016/2102 erfasst.

Die ehrliche Antwort auf "welcher Standard gilt für mich" lautet also: Es gilt Ihr nationales Gesetz, und es formuliert die Anforderungen allgemein. Die EN 301 549 ist die technische Norm, gegen die in der Praxis geprüft wird, und ihr Kapitel 9 entspricht WCAG 2.1 Stufe AA. Geprüft wird gegen WCAG, gemessen werden Sie am Gesetz. Die Norm zu erfüllen belegt für sich allein nicht, dass Sie das Gesetz erfüllen.

Was barrierefreier Code in der Praxis heißt

Der Begriff meint den Teil der Norm, den Entwicklerinnen und Entwickler tatsächlich tippen. Vier Dinge tragen den größten Teil davon.

Semantisches HTML. Ein button, der ein button ist, eine Überschrift, die eine Überschrift ist, eine Liste, die eine Liste ist. Ein div mit Klick-Handler ist für assistive Technik unsichtbar, solange ihm Rolle, Name und Tastaturbedienung nicht von Hand mitgegeben werden, und genau diese Handarbeit geht schief.

Name, Rolle, Wert. Jedes Bedienelement muss ansagen, was es ist und in welchem Zustand es sich befindet. Das ist Kriterium 4.1.2, und daran scheitern eigene Komponenten: ein Schalter, der gedrückt aussieht und es nie sagt.

Fokusreihenfolge und sichtbarer Fokus. Der Weg der Tabulatortaste durch die Seite muss sinnvoll und sichtbar sein. Kriterien 2.4.3 und 2.4.7.

Textalternativen und Kontrast. Bilder tragen ein alt-Attribut, das sagt, was das Bild tut, nicht was darauf zu sehen ist. Text und Hintergrund erreichen das Kontrastverhältnis. Ein Farbpaar prüfen Sie im WCAG Kontrast Checker.

Nichts davon ist exotisch. Es ist gewöhnliche Frontend-Arbeit, die ausgelassen wurde.

Was WAVE und axe sagen können und was nicht

WAVE von WebAIM und axe, die Regel-Engine von Deque, die in vielen Prüfwerkzeugen steckt, unseres eingeschlossen, machen dieselbe Art von Arbeit: Sie lesen die Seite und wenden Regeln auf das an, was sie finden. Ein fehlendes Formularlabel, ein Bild ohne Textalternative, ein Farbpaar unter dem Grenzwert: Das sind Zustände im Markup, und eine Regel-Engine findet sie zuverlässig, auf jeder Seite, in Sekunden.

Was eine Regel-Engine nicht kann, ist eine Taste drücken oder Bedeutung beurteilen. Ob Ihr Alternativtext zutrifft, ob die Überschriftenstruktur zur Seite passt, ob der Fokus aus Ihrem Cookie-Banner wieder herauskommt: Nichts davon ist eine Eigenschaft des ruhenden Markups. Ausführlich steht das in warum ein automatischer Scan keine Tastaturfalle findet.

Deshalb ist "wir haben WAVE laufen lassen und es war sauber" nicht dasselbe wie Konformität. Und deshalb ist ein Scan trotzdem der richtige erste Schritt: Er findet die Fehler, die billig zu finden sind, damit die Handarbeit dort landet, wo sie gebraucht wird.

Was Sie damit tun

  1. Klären Sie, ob ein nationales Gesetz für Sie gilt und welches. Das Gesetz zählt die erfassten Produkte und Dienstleistungen auf, und Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen, sind ausgenommen. Welches Gesetz es ist, ergibt sich daraus, wo Sie verkaufen, nicht daraus, wo Sie hosten.
  2. Prüfen Sie gegen WCAG 2.1 Stufe AA. Das ist der Inhalt von Kapitel 9 der EN 301 549 V3.2.1 und die technische Referenz, an der sich die Praxis orientiert.
  3. Erst scannen, dann die Website mit der Tastatur durchgehen. Der Scan findet die Regelverstöße, der Durchgang das Verhalten.
  4. Schreiben Sie die Barrierefreiheitserklärung. Beim Schreiben merken Sie, was Sie wirklich wissen.

Ein Scan Ihrer Startseite zeigt, welche der regelbasierten Fehler oben bei Ihnen schon auftreten. Den Rest deckt der Tastaturdurchgang ab.

Sehen Sie, wo Ihre Website steht

Der kostenlose Scan prüft eine Seite gegen die automatisierten Regeln der WCAG 2.1 AA und zeigt die ersten Ergebnisse.

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Dieser Artikel ist informativ und stellt keine Rechtsberatung dar.